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24. März 2007

Nicht das Wahre: Protestaktion gegen Klinikbetreiber in Hannover

Rund 20 GewerkschafterInnen der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, des DGB-Ortskartells Lehrte und der Freien ArbeiterInnen Union Hannover (FAU) protestierten am 14.März in Hannovers Innenstadt gegen die Geschäftsleitung der Klinikum Wahrendorff GmbH. Wir dokumentieren eine Erklärung der FAU Hannover:

Das Klinikum in Sehnde-Ilten (bei Hannover) ist mit 785 Beschäftigten, 222 vollstationären und 55 teilstationären Planbetten sowie 680 Wohnplätzen eine der größten privaten psychiatrischen Kliniken Europas. Seit Jahren versucht die Geschäftsleitung, die Rechte der Beschäftigten zu beschneiden, geht gegen gewerkschaftliche Organierungsversuche und kämpferische Betriebsräte vor. Seit 1994 werden Betriebsräte immer wieder mit Abmahnungen und Kündigungen überzogen.

Zehn außerordentlichen Kündigungsverfahren laufen derzeit gegen Angehörige der ver.di-Liste des vor gut einem Jahr gewählten Betriebsrats. Hinzu kommen drei Ausschlussverfahren. Eine gewerkschaftliche Organisierung der Belegschaft ist nicht erwünscht. Alle halbherzigen Versuche von hauptamtlichen ver.di-FunktionärInnen verlaufen schnell wieder im Sande.
Auch wenn es immer wieder Ansätze zur Aktivierung der vielen ver.di-Mitglieder seitens der kleinen Betriebsgruppe gibt, ist daraus bisher kaum etwas erwachsen. Das Klima ist von Angst geprägt. Die Unzufriedenheit ist groß, doch trauen sich viele Beschäftigte nicht, gegen die Zustände anzugehen. Die
meisten setzen auf die Arbeit des Betriebsrats und delegieren damit ihre eigene Verantwortung weg.

Die Protestaktion fand anlässlich der Jahreshauptversammlung vor dem Karstens Hotel Luisenhof in Hannover statt. Dabei forderten die GewerkschafterInnen die Klinikleitung auf, ihre Angriffe gegen die kämpferische Gewerkschaftsliste des Betriebsrats unverzüglich einzustellen und die Wahrnehmung gewerkschaftlicher Rechte durch die Beschäftigten zu akzeptieren. Zudem solle sie endlich eine fundierte Stellungnahme zur Ausarbeitung des Betriebsrats, “Betrachtung der aktuellen wirtschaftlichen Situation der Klinikum Wahrendorff GmbH Stichttag 2006″, abgeben, die seit mehr als acht Monaten fällig ist.

Bisher hat es die Geschäftsleitung sogar versäumt, eine Bilanz für 2005 vorzulegen.
Zu der Jahreshauptversammlung war neben Klinikumsmitarbeitern als Gastredner der FDP-Landesvorsitzende und Vorsitzende der FDP-Fraktion im Nds. Landtag, Dr.Phillip Rössler, geladen. Rund 75 Gäste, darunter Stationsleitungen und Heimleitungen sowie leitende Ärzte, nahmen daran teil.

Nandor Pouget

Gewerkschaft Gesundheitsberufe (GGB)
c/o Freie Arbeiter- und Arbeiterinnen Union (FAU-IAA)
-Anarchosyndikalistische Gewerkschaft-
Lokalföderation Hannover
Kornstr.28-30
30167 Hannover

21. März 2007

i 2007 - internationale syndikalistische Konferenz

von Samstag, 28. April bis zum Dienstag des 1. Mai 2007 in Paris

Nichts für uns? ALLES FÜR ALLE!
Die syndikalistische französische Gewerkschaft CNT-F richtet von 29. April bis 1. Mai eine Konferenz aus, zu der weltweiteit revolutionäre Gewerkschaften und klassenkämpferische Initiativen, Organisationen, Netzwerke und AktivistInnen eingeladen sind.

Zum Ausgangspunkt ihres Aufrufs macht die CNT-F die Analyse, dass die globale Aggressivität des Kapitals bislang auf unzureichende und kaum wirkungsvolle Gegenwehr trifft. Diese Unfähigkeit zeige sich sowohl auf Seiten der in Bürokratie erstarrten etabierten Gewerkschaften als auch auf Seiten von revolutionären und an der Basis orientierten Organisationen.

“Unser Ziel und unsere Hoffnung sind es, Verbindungen wieder zu beleben und ArbeiterInnen vescheidener Länder zu vereinigen, um die Mittel der Information, des Kampfes und der Aktion auf den neuesten Stand zu bringen”, schreibt die CNT-F in ihrer Einladung zu dem Kongress.

Das i2007 steht in einer Reihe mit dem i99, das 1999 von den Wobblies in San Francisco organisiert wurde und dem i2002, welches die anarcho-syndikalistische FAU 2002 in Essen durchführte.

Das Programm des i2007

Vorlauf
Freitag 27. April 2007
Empfang der Anreisenden

Samstag 28. April 2007
morgens:Gewerkschaftstreffen (Themen: Lebenshaltungskosen, Löhne, Auslagerungen, Entlassungen, Privatisierung, Arbeitsrechte, Unterdrückung von Gewerkscharften, die EU etc.)
nachmittags: Branchentreffen: Bildung, Postwesen, Pflege/Gesundheit, Putzen, Kultur, Presse, Transport, Stahlindustire, Bauern und LandarbeiterInnen etc.
abends: Konzert

Sonntag, 29. April 2007
morgens: Treffen nach Themenfeldern : Frauenkämpfe, Antifaschismus, Soziale Ökologie, Wohnraum, Migration, Anti-Imperialismus etc.
nachmittags: Zusasmmenfassungen der verschiedenen Treffen.
abends: Großes internationales Treffen

Montag, 30. April
nachmittags: kämpferische Filme, Stadtrour durch Paris

Dienstag, 1. Mai 2007
nachmittags: Internationale Demonstration zum 1. Mai
abends: Konzert

http://www.cnt-f.org/

Es werden auch Wobblies aus Großbrittannien, den USA sowie aus dem deutschsprachigen Raum anreisen. Bei Interesse nehmt Kontakt mit unserem Delegierten in Köln auf: iwwcologne(a)yahoo.de

6. März 2007

Gewerkschaften auf neuen Wegen: Wenn der Kollege zum Kunden wird

Der folgende Artikel, den wir hier dokumentieren, erschien in der Zeitschrift “Wildcat”( Nr. 78, Winter 2006/2007). Er macht sich Gedanken über die Versuche der deutschen DGB-Gewerkschaften, Organisierungs-Kampagnen aus den USA zu kopieren.

Militante Untersuchung, Selbstinterviews, Workers Center, Campaigning und Organizing: ein Teil der Linken begeistert sich momentan für »undogmatische« Ansätze, um die Frage nach Widerstand in der Lohnarbeit aufzunehmen. Studienaufenthalte in den USA, Besuche bei Workers Center und bei organizing-Kampagnen lassen den Eindruck entstehen, dass es diese gewerkschaftlichen Instrumente sind, die frischen Wind in die verkrustete, weiß dominierte Gewerkschaftslandschaft in der BRD bringen. Denn junge, eingewanderte ArbeiterInnen, Frauen und Beschäftigte im Dienstleistungsbereich sind die hauptsächlichen Zielgruppen dieser Ansätze. Entsteht hier eine ganz neue, andere Gewerkschaft? Oder, die Frage anders ausgedrückt: Öffnet die Krise der Institution »Gewerkschaft« Raum für neue Formen von Organisierung? Hilft der Apparat dabei, Türen aufzustoßen, oder lassen sich linke Aktivisten benutzen, um dem Apparat einen neuen zeitgemäßen Anzug zu schneidern?Die Krise der Einheits- und Industriegewerkschaften macht sich an vier Punkten fest: Die Mitgliederzahlen sinken seit Jahren; der Apparat »verschlankt« die eigene Belegschaft; die betrieblichen Vertrauensleutestrukturen sind in weiten Bereichen zusammengebrochen; berufsständische Organisationen boomen. In der Konsequenz ist die Gewerkschaft »zahnlos« und nicht in der Lage, Betriebsschließungen, sinkende Löhne und längere Arbeitszeiten aufzuhalten. Ein Teufelskreis.Die Krise der Arbeiterbewegung lässt sich vor allem an einem Punkt festmachen: Sie tut sich schwer damit, das langsame Ende der institutionellen Vermittlung des Konfliktes zwischen Arbeit und Kapital anzuerkennen und neue, selbstbestimmte Formen des Widerstandes zu entwickeln. Trotz größer werdenden Widerstands setzen die Gewerkschaften immer wieder ihre Standort- und Verzichtspolitik durch.

Auf Seiten der »Linken« wittern einige die Chance, den Apparat zu demokratisieren, und »entlarven« dazu unentwegt die Führung. Andere sind ratlos und gehen gar nicht mehr zu den Orten der Kämpfe hin. Wieder andere sehen eine neue Offenheit des Apparats gegenüber den »sozialen Bewegungen« und beteiligen sich an derlei Experimenten, entweder als freiwillige Akteure in von der Gewerkschaft initiierten Kampagnen oder als entlohnte Angestellte. Um Letztere geht es im folgenden.

Schwäche der Gewerkschaften – Organizing als Antwort

Die Gewerkschaften definieren ihre Rolle neu. Sie halten als Organisation am Flächentarif fest – der aber nicht mehr den Unternehmen »aufgezwungen« wird, sondern als Rahmen dienen soll, um die verschiedenen unternehmerischen Interessen zentral auszubalancieren. Zugespitzt gesagt dienen sich die Gewerkschaften den Unternehmern als Hilfsinstrument an, um die weitere Zersplitterung der Produktionszusammenhänge möglichst reibungslos handlen zu können. Dafür braucht es zwar Konflikte, die werden aber statt auf betrieblicher Ebene zunehmend auf der politischen Bühne ausgetragen. Das heißt, Kämpfe werden »simuliert«, um mit einer Mobilisierung politische Entscheidungen zu beeiflussen. Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit sind etwa die mit den Krankenkassenchefs abgesprochenen »Streiks« der GKV-Beschäftigten oder die 2005/06 ebenfalls mit den Unternehmern abgesprochenen »Streiks« der Hafenarbeiter in Deutschland gegen die EU-Dienstleistungsrichtlinie.

Dort, wo Konflikte »real« geführt werden, wird für die Abmilderung von Verschlechterungen mobilisiert. Das gilt im großen und ganzen für die gesamte Gewerkschaftsarbeit. Im Frühjahr 2006 während des Streiks gegen die Arbeitszeitverlängerung war der Verdi-Apparat gegenüber neuen Formen des Arbeitskampfes recht offen – aber die Inhalte durften auf keinen Fall in Frage gestellt werden. Dementsprechend groß war danach der Frust unter Belegschaften, die sehenden Auges für die Verschlechterung ihrer eigenen Bedingungen in den Kampf geschickt wurden.

Was bedeuten »Organizing« und »Campaigning«?

Organizing und Campaigning sind seit langem wichtiger Bestandteil der gewerkschaftlichen Aktivitäten in den USA. Unter diesen Schlagworten zwei unterschiedliche, aber oftmals miteinander verbundene Strategien bezeichnet.1 Campaigning meint die Durchführung von zentral geplanten Kampagnen bspw. gegen bestimmte Firmen, um Forderungen durchzusetzen. Derlei Kampagnen sind sehr stark auf die Öffentlichkeit gerichtet. Durch sie wird versucht, dort Druck aufzubauen, wo allein auf betrieblicher Ebene (angeblich) nichts durchzusetzen ist. Verdi beschreibt dies so:

»In dem klassischen betrieblichen Arbeitskampf bewegen sich fast alle Aktivitäten – ob Streik, Dienst nach Vorschrift, Beschwerdeverfahren usw. – im Rahmen der Beziehung zwischen ArbeitnehmerInnen und Arbeitgeber. Diese ist aber nur eine von mehreren wichtigen Geschäftsbeziehungen für den Arbeitgeber. Genauso wichtig für ihn sind seine Beziehungen zu Finanzinstituten, Regierungen und Regulierungsbehörden, Zulieferern, Konkurrenten, Kunden, Mutter-/Tochter- und Schwesterunternehmen, der Zivilgesellschaft, usw. Diese Beziehungen bieten ArbeitnehmerInnen und Gewerkschaften Handlungsmöglichkeiten an, die gerade gegen multinationale Konzerne wirksam sein können.«2 Beispiele sind Boykottaufrufe und Image schädigende Medienarbeit, für die Bündnispartner gewonnen werden sollen. So etwa, dass Kunden angeschrieben werden, um auf Praktiken des Unternehmens aufmerksam zu machen (Anti-«Sweatshop«-Kampagnen etwa). Oder dass andere Organisationen der »Zivilgesellschaft« sich aus ihrem Blickwinkel beteiligen, etwa, wenn Greenpeace sich an der gewerkschaftlichen Lidl-Kampagne dadurch beteiligt, dass es Studien über die Belastung von Lidl-Lebensmitteln mit Schadstoffen veröffentlicht.

Beispiele für gewerkschaftliche Kampagnen in Deutschland sind die laufende Lidl-Kampagne (seit 2005), die McDonald‘s-Kampagne zur Einführung von Betriebsräten (2004), die Citibank-Kampagne gegen die Auslagerung ihres Call Centers (1998-2001) und die Schlecker-Kampagne gegen die Verletzung von Tarifverträgen und Schikanierung von Angestellten (1994-1995).

Organizing meint das aktive Anwerben von Gewerkschaftsmitgliedern durch professionell geschulte Werber3. Da gerade der Dienstleistungsbereich durch viele kleine Firmen und oftmals eine räumliche Zersplitterung gekennzeichnet ist, gehen Organizer entweder zu den verstreuten Arbeitsstätten (etwa die der IG BAU auf die Baustellen oder die von Verdi in Hamburg zu den Wachleuten in der City) oder in die entsprechenden Communities (der Film Bread and Roses von Ken Loach schildert diese Art des Organizing unter den Reinigungskräften in Los Angeles). Ziel ist es dann, die Leute von den Vorteilen einer gewerkschaftlichen Organisierung zu überzeugen, Treffen zu arrangieren oder sozialen Prozessen eine Richtung zur Etablierung von Vertretungsstrukturen zu geben. Mit Letzterem ist gemeint, dass gezielt nach Personen gesucht wird, die eine »natürliche« soziale Autorität unter ihren Kollegen haben. Diese sollen dann besonders gefördert werden, damit sie als »Multiplikatoren« der Gewerkschaft funktionieren und die aufgebauten gewerkschaftlichen Strukturen sich selber tragen.

Meist werden Organizing und Campaigning zusammen durchgeführt; das Konzept sieht vor, dass die Gewerkschaft erst recherchiert, welche Branchen oder Bereiche wichtig sind, wo Durchsetzungsmöglichkeiten sind usw. Die zentral geplante Kampagne wird dann durch das Ausschwärmen der organizer ergänzt. Sie übermitteln die Ziele der Kampagne vor Ort und ergänzen sie ggf. um die realen Probleme, die die ArbeiterInnen haben.

Somit geht es vor allem um eine Professionalisierung der gewerkschaftlichen Arbeit; und zwar nicht nur des Verwaltungsapparates wie in der »alten Gewerkschaft«, sondern auch der betrieblichen Ebene. Zwar genossen Vertrauensleute in manchen Großbetrieben auch früher schon Privilegien, und das gewerkschaftliche Engagement bot auch eine Perspektive des Aufstiegs in den Apparat hinein. Aber die Machtstellung der bundesdeutschen Gewerkschaften in den Betrieben beruhte wesentlich auf der Aktivität eines »idealistischen« Unterbaus.

Statt zu einer Demokratisierung führt das Konzept des Organizing eher zur weiteren Zentralisierung der Entscheidungen. Bevor Konflikte tatsächlich ausgetragen werden, beurteilt die Gewerkschaft die Erfolgsaussichten. OrKa arbeitet nicht auf eine Forcierung betrieblicher Konflikte hin, sondern zieht seine Stärke aus Lobby-Tätigkeit und medialer Inszenierung.

Auch Ver.di hat sich mit ihrem Organizing-Vorzeigeprojekt im Hamburger Sicherheitsgewerbe eine Beschäftigtengruppe ausgesucht, die am Rande steht, nämlich das private Wach- und Sicherheitspersonal in der City: Nachtwächter, Portiers, Objektschützer… alles Leute, die sehr vereinzelt arbeiten, deren Arbeit für keinen anderen Arbeitsablauf direkt wichtig ist, sondern die für einen Eventualfall bereit stehen. Glücklicherweise fühlen sie sich schwach, und um ihre Schwäche lässt sich gut eine Mitleidskampagne um »Hungerlöhne« und »Respekt« knüpfen. Sie stehen auch nicht im öffentlichen moralischen Zwielicht, wie es bei privaten »Sicherheits«truppen bspw. der S-Bahnen der Fall wäre. Lobbying bedeutet, dass etwa Entscheidungsträger wie Kundenfirmen oder zumindest deren Betriebsräte gezielt in die Kampagne mit einbezogen werden sollen.

Einer der wichtigsten Punkte bei den Organizing-Kampagnen ist die völlige Fixierung der betrieblichen Realität auf gewerkschaftliche (d.h. institutionelle) Ziele. Das mag paradox klingen, weil in den Konzepten sehr viel Wert auf »Netzwerke«, »Lebensrealitäten« usw. gelegt wird. Tatsächlich aber dienen die Bündnisse mit der »Zivilgesellschaft« nur dazu, die eigene organisatorische Zuständigkeit für den Bereich »Arbeit« zu stärken – als Betriebsrat oder als Tarifpartner. Schon von der Konzeption her werden Fragen der Hierarchie in der Arbeit und der Gesellschaft allgemein nicht angetastet, sondern eher noch verstärkt: So in der Forcierung »sozialer Hierarchien« bei der Rekrutierung und dem Konzept, gegebene Hierarchien für die eigenen Ziele auszunutzen, wenn etwa Filialleiter tragende Ansprechpartner bei der Lidl-Kampagne sind oder Politiker und Pfaffen als »Paten« angesprochen werden.

Aufschlussreich sind Situationen, wo Selbstorganisierung auf Organizing trifft. Ein Beispiel ist die Bewegung der LKW-Fahrer in den Häfen von Los Angeles4. Die Gewerkschaftsorganizer bekommen dort keinen Fuß in die Tür. Bezeichnend ist der Unterschied in der Art und Weise, Dinge durchzusetzen: Während die »sich selbst« organisierenden Fahrer Taktiken entwickeln, durch kurze punktuelle Streiks Unternehmen und Chefs unter Druck zu setzen, baut die Kampagne der Teamster-Gewerkschaft allein auf die Kooperation mit »vernünftigen« Unternehmen auf, d.h. solchen, die bereit sind, Tarifverträge mit den Teamsters abzuschließen. Die nicht gewerkschaftlich eingebundenen Kämpfe schwächen die Verhandlungsposition der Gewerkschaft – wenn diese keine Ruhe schaffen kann, ist sie für den Unternehmer unbrauchbar. Die daraus folgende wütende Bekämpfung jeder Art von Selbstorganisation dürfte die optimistische Einschätzung des Organizing als Instrument zur Ausweitung sozialer Konflikte in Frage stellen. Ein Artikel aus der Zeitung The Nation beginnt mit einem ähnlichen Beispiel einer Autozulieferfirma in Chicago namens Silver Capital5. Und das Wirtschaftsmagazin Forbes stellt fest: »Auch wenn sich die Gewerkschaften in streitlustigen Organizing-Kampagnen engagieren, scheint das Ziel der ›Change-to-win‹-Koalition darin zu bestehen, partnerschaftliche Beziehungen mit dem Management auszubauen.«6
Aber die Arbeiter wollen das doch so…!

Ein immer wiederkehrendes Motiv bei der Darstellung von Organizing-Projekten ist die Selbstcharakterisierung der Aktivisten als »weiße Wand«, an die die Beschäftigten ihre Marken setzen. Interviews mit Arbeitern, um die Konfliktpunkte auf der Arbeit rauszukriegen – das hört sich tatsächlich viel versprechend an. Nur dumm, dass die Ergebnisse allein das zu bestätigen scheinen, was die Herren von der Ver.di-Leitung schon vorher wussten. Es scheint keine anderen Ziele als Mindestlöhne, Arbeitszeiten unter 300 Stunden im Monat, keine anderen Organisationsformen als betriebliche Vertretungsstrukturen à la Ver.di und keine anderen Kampfformen als das öffentliche Heischen um »Respekt« zu geben.

Auf Seiten der linken Aktivisten, die sich für die Gewerkschaft einspannen lassen, wird offensichtlich unterschätzt, dass man weder als Wissenschaftler, noch als Aktivist oder auch als Kollege jemals ein neutraler Kummerkasten ist. Wenn man als Vertreter der Gewerkschaft den Leuten gegenüber tritt, wird man bei allen guten Vorsätzen immer das zu hören bekommen, was in der Vorstellung der Leute eine Gewerkschaft für sie tun könnte. D.h., auch hier wird es nicht funktionieren, im Auftrag einer Institution und für Geld etwas zu tun, und das dann mit eigenen Ideen zu füllen. Von außen können die Leerstellen nicht gefüllt werden, aber der Anspruch auf die Überwindung verknöcherter gewerkschaftlicher Strukturen und die Thematisierung der ganzen »Bandbreite des prekären Lebens« ließe sich besser umsetzen, wenn sich die Aktivisten auf reale Konflikte der ArbeiterInnen einstellen würden – die gibt es nicht nur mit dem Chef, sondern auch mit ihren eigenen Vertretern.

Fußnoten:

[1] So gibt es z.B. bei Ver.di einen Arbeitskreis namens ORKA – Organisierung & Kampagnen[2] http://www.verdi.de/aktive/kampagnen_organisieren/an_die_arbeit/kampagnen_fuer_erfolgreiche_gewerkschaften

[3] Wer mehr zu der Diskussion von, unter, über Organizing lesen will: Verdi hat als Teil eines Projektes ein Internetportal mit Material eingerichtet: www.neverworkalone.de Bei Labournet gibt es eine Sonderseite zum Thema Social Movement Unionism: www.labournet.de/diskussion/gewerkschaft/smu/index.html und eine zum Thema Organisierungsdebatte: www.labournet.de/diskussion/gewerkschaft/erfahrung/us-orga.html

[4] siehe auch Troqueros in L.A im USA-Dossier von Wildcat 73

[5] »Teamsters: Changing to Win?«, The Nation, 12.06.06, online unter: http://www.thenation.com/doc/20060612/johnson

[6] »Breakaway Union Pushes Organizing«, Forbes vom 17.4.2006, online unter: http://www.forbes.com/work/2006/04/17/afl-cio-unions-cx_0418oxford.html

4. März 2007

Kampf bei Starbucks geht weiter

Rückblick auf die weltweiten Proteste gegen Starbucks Ende 2006

In rund fünfzig Städten weltweit, unter anderem in Australien, Kanada, Deutschland Großbritannien, Neuseeland und US-amerikanischen Städten wie etwa New York, Chicago, Minneapolis und San Francisco gab es während des Thanksgiving-Wochenendes (24.November 2006) Proteste gegen die gewerkschaftsfeindlichen Praktiken von Starbucks und gegen die unrechtmäßigen Entlassungen von fünf Gewerkschafts-AktivistInnen.

Die weltweiten Aktionen starteten mit dem 22. November, als die fünf Baristas von der IWW New York City, die wegen ihrer gewerkschaftlichen Aktivitäten illegaler Weise gefeuert worden waren, die regionale Starbucks-Zentrale aufsuchten, um ihre Jobs zurückzufordern und Starbucks aufzufordern, die Politik der verbrannte Erde und der Zerschlagung von Gewerkschaften aufzugeben. Während Mitglieder der Starbucks Workers Union (SWU) und UnterstützerInnen draußen protestierten, stellten die gefeuerten Baristas ihre Forderungen an den Starbucks Partner und „Asset Protection Investigator” (übersetzt in etwa: ‚Ermittler zum Schutz des Betriebsvermögens’) Marc Stella innerhalb des schicken Unternehmensbüros gegenüber dem Empire State Building. Stella ist der interrne “Pinkerton” des Unternehmens, der die fingierte Untersuchung gegen den Kollegen Daniel Gross betrieben hat und der wahrscheinlich mitschuld ist an allen Rauswürfen von Baristas. Der regionale Direktor Jim McDermott war passender Weise nicht im Büro, sondern genoss das Thanksgiving-Wochenende und sein fettes Gehalt, während die Baristas extra hart arbeiten mussten, um den Erwartungen an den Feiertag bei einem kärglichen Loh gerecht zu werden.

Die Liste der gefeuerten Gewerkschafter in New York umfasst nun:

- Joseph Agins, der bei der Starbucks-Filiale Ecke 2. Avenue und 9. Straße am 12. Dezember 2005 gefeuert wurde
- Charles Fostrom, bei der Starbucks-Filiale Ecke 57. Straße und Lexington Avenue am 11. Juli 2006 gefeuert
- Evan Winterscheidt, bei der Starbucks-Filiale Ecke 14. Straße und 6. Avenue am 18. Juli 2006 gefeuert
- Daniel Gross, bei der Starbucks-Filiale Ecke 36. Straße und Madison Avenue am 5. August 2006 gefeuert
- Isis Saenz, bei der Starbucks-Filiale Ecke 57. Straße und Lexington Avenue am 1. November 2006 gefeuert.

In Deutschland fanden am 25. November Solidaritätsaktionen in Essen und München statt. In Essen verteilten UnterstützerInnen der Starbucks Workers Union vor der Filiale in der Nähe des Hauptbahnhofs Flugblätter und schickten Faxe an die deutsche Starbucks-Zentrale, die sich ebenfalls in Essen befindet, in denen sie warnten, dass sie wiederkommen würden, wenn die Forderungen der Baristas nicht erfüllt würden. In München verteilten UnterstützerInnen Flugbätter vor den Filialen in der Leopold und in der Feilitsch-Straße. Die meisten TeilnehmerInnen waren Mitglieder der deutschen anarcho-syndikalistischen Freien ArbeiterInnen Union und des Organisationskomitees der IWW Deutschland. (siehe auch http://eerie.ee.funpic.de/news.php)

In Pittsburgh trugen 25 IWW-Mitglieder und anderen UnterstützerInnen der Gewerkschaft Plakate und riefen Sprechchöre vor dem Squirrel Hill Starbucks an der Ecke Forbes und Shady Avenue. Als die Leute in der Mittagspause nach dem Lunch dort hineinströmten, gingen auch Gewerkschaftsmitglieder in den Laden, um zu versuchen, mit den Angestellten und den KundInnen zu sprechen, aber die Manager unterbanden das Verteilen von Flugblättern oder die Diskussionen über Gewerkschaftsarbeit im Laden selbst und beförderten auch KundInnen, die die Aktion diskutierten, hinaus. Die GewerkschafterInnen setzten dann ihren Protest auf dem Gehweg vor der Filiale fort. AutofahrerInnen hupten und winkten, um ihre Unterstützung zu signalisieren und PassantInnen blieben stehen, um mit den Gewerkschaftsmitgliedern, die Flugblätter verteilten, zu sprechen. „Es ist erstaunlich, wie viele KundInnen von Starbucks nicht wissen, wie es ist, bei Starbucks zu arbeiten”, sagte Ken Miller, ein Mitglied der IWW und Ex-Mitarbeiter von Starbucks. „Wenn wir erst einmal erklären, was die Angestellten dort mitmachen, sind die Leute der gewerkschaftlichen Organisierung gegenüber positiv gestimmt und unterstützen diese.“

Einige Baristas (die Bezeichnung von Starbucks für seine Angestellten) kamen aus der Filiale, um zu sehen, was los war und redeten über die Gewerkschaft unter den wachsamen Augen ihrer Manager.
Zwischen Dezember 2005 und November 2006 hat Starbucks fünf Mitglieder der IWW New York City unter Vorwänden, die von „Insubordination“ bis hin zu „Untergraben der Moral der Angestellten“ reichten, hinausgeworfen. Das National Labor Relations Board* ist dabei ,diese Rauswürfe zu untersuchen und es wird nicht vor irgendwann im nächsten Jahr (gemeint ist 2007) erwartet, dass es eine Regelung trifft.
Im März 2006 erreichte das NLRB eine Übereinkunft mit Starbucks bezüglich früherer Beschwerden von Gewerkschaften. Dieser Schiedsspruch setzte die Wiedereinstellung von zwei GewerkschafterInnen fest und zwang Starbucks, an drei Angestellte ausstehende Löhne zu zahlen und seine diskriminierende Vorgehensweise zu beenden, die die ArbeitnehmerInnenrechte auf das Tragen von Gewerkschaftsbuttons und das Verteilen von Gewerkschaftsmaterial am Arbeitsplatz verletzten.
Starbucks versprach auch, keine Gratifikationen an Angestellte in Form von kostenloser Pizza, Gratis-Reinigungsservice in den Filialen nach Geschäftschluss, kostenlosen Mitgliedsausweisen für Fitness-Zentren und Gratis-Baseballtickets mehr zu verteilen, die diese dazu bringen sollten, ihre Unterstützung der Gewerkschaft wieder zurückzunehmen.

Unterstützung weltweit

Solidaritätserklärungen kamen von nah und fern: Die Gewerkschaft C.E.K. in Guinea erklärte ihre Unterstützung im September 2006. In Paris haben Mitglieder der CNT-F gegen die wiederholten Verletzungen des Unternehmens gegen ArbeitnehmerInnenrechte protestiert. Das „Comite de Solidarite de Madagascar” hat, ebenso wie andere Arbeitergruppen in Österreich, Kanada, England, Deutschland, Korea, Neuseeland und überall in den USA ebenfalls die gewerkschaftsfeindliche Politik von Starbucks verurteilt.

* National Labor Relations Board: (US-)Kommission für nationale Arbeitsbeziehungen.

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Ein Treffen des Starbucks-Geschäftsführers Schultz mit dem äthiopischen Premierminister Meles Zenawi hat die Einstellung des Unternehmens hinsichtlich eines Lizenzabkommens, das das kulturelle Erbe der Kaffeefarmer respektiert, nicht geändert. Starbucks sagt, die Kaffeebauern brauchen kein Lizenzabkommen, wie auch die Baristas keine Gewerkschaft brauchen - weil das Unternehmen eben schon so großzügig ihnen gegenüber ist. Sagen Sie das mal Kaffeebauern, die in brutaler Armut leben und Baristas, die - oftmals ohne Krankenversicherung – darum kämpfen müssen, um über die Runden zu kommen!

Mehr Informationen über das vorgeschlagene Abkommen findet man auf der Oxfam-Website: http://www.oxfamamerica.org/whatwedo/campaigns/coffee/starbucks.

Bitte nehmt euch einen Moment Zeit, um euer Missfallen an der extremen Habgier des Starbucks-Konzerns Ausdruck zu verleihen: http://starbucksunion.org/node/1127

Schickt Protestbriefe an den Starbucks-Boss Howard Schultz!

Sehr geehrter Herr Vorsitzender Schultz,
ich bin zutiefst besorgt, dass Sie wieder einmal eine Übereinkunft abgelehnt haben, die es den äthiopischen Kaffeebauern ermöglicht hätte, ihr eigenes kulturelles Erbe zu kontrollieren.
Bei einem Treffen zwischen dem Starbucks-Geschäftsführer Jim Donald und Premierminister Minister Meles Zenawi, das am 29. November in der äthiopischen Hauptstadt stattfand, sicherten die Äthiopier Starbucks eine abgabenfreie Lizenzvereinbarung zu. Trotz dieser Zusicherung haben Sie auf der Aufrechterhaltung Ihrer unfairen Stellung am Markt bestanden, während die äthiopischen Kaffeebauern in unmenschlicher Armut leben. Wie können Sie nachts schlafen in dem Wissen, dass Sie von der Regionsbezeichnungen exquisiter äthiopischer Kaffees wie Sidamo, Yirgacheffe, Harrar profitieren, während die Familien der Kaffeebauern darum kämpfen, genug zu essen zu haben, sauberes Wasser zu erhalten und ihre Kinder zur Schule schicken zu können?

Auch bin ich beunruhigt darüber, dass Sie dieselbe paternalistische Haltung gegenüber äthiopischen Kaffeebauern einnehmen, die Sie auch gegenüber den Starbucks-Baristas zeigen, die sich einer Gewerkschaft anschließen wollen, um ihr Leben auf dem Arbeitsplatz zu verbessern. Ihre Marketing-Masche der sozialen Verantwortung bringt weder für die Baristas noch für die Kaffeebauern Essen auf den Tisch.

Ich unterstütze die Kampagne „Justice from Bean to Cup!” (Gerechtigkeit von der Bohne bis zur Tasse), die die Baristas und die Kaffeebauern in der Versorgungskette von Starbucks miteinander verbindet in ihren Forderungen nach einem existenzsichernden Lohn und nach Respekt ihnen gegenüber. Beenden Sie ihre Eingriffe in das grundlegende Recht von Baristas und Kaffeebauern auf eine unabhängige Vertretung an ihrer Arbeit.
Unterzeichnen Sie das Handelsabkommen mit Äthiopien und respektieren Sie das Recht der Baristas, einer Gewerkschaft beizutreten.
In Erwartung Ihrer unmittelbaren Aufmerksamkeit für diese Angelegenheit

Das oben stehende Schreiben kann (auf Englisch) über diesen Link (Per Mauklick) verschickt werden:
http://starbucksunion.org/node/1127

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Äthiopien und der Kaffee-Weltmarkt

Die Gewerkschaft der Starbucks-ArbeiterInnen der IWW baut Solidarität innerhalb der Kaffeeindustrie auf. Wir rufen Starbucks auf, eine Übereinkunft zu unterzeichnen, die Äthiopiens Urheberrechte an den Namen seiner Kaffeesorten zuerkennt. Mit der Sicherung der Rechte von Namen wie Sidamo, Harar und Yirgacheffe wäre es der äthiopischen Kaffeeindustrie und den Bauern möglich, zusätzliche 88 Millionen US-$ pro Jahr einzunehmen.
Kaffee macht bis zu 40-50% der Exporteinnahmen Äthiopiens aus. 15 Millionen ÄthiopierInnen hängen vom Kaffeehandel ab. Einer von fünf Menschen lebt von weniger als 1 US-$ am Tag und 80% der Bevölkerung leben von weniger als 2 US-$ am Tag.
Äthiopien zählt zu den untersten 10 Ländern innerhalb des UN-Indexes für die menschliche Entwicklung in Bezug auf Einkommen, Gesundheit und Bildung.
Wenn Starbucks seine Verpflichtungen gegenüber den Bauern ehrlich meint, dann wird das Unternehmen die Lizenzübereinkunft unterzeichnen, die Äthiopien angeboten hat.