Das Internet ist nicht nur ein Informations- und Recherchemedium. Es bietet auch Filme und Musik.

Im folgenden habe ich einen kleinen Streifzug durch das weltgrößte Internet-Video-Portal “youtube” zusammen gestellt. Ihr findet u.a. Dokus von IWW-Protesten in England, einen Karnevals-Zug in Brooklyn (Mermaids-Parade in Coney Island, siehe nebenstehendes Bild) und Lieder von und über Joe Hill. Momentan ist das alles nur auf englisch. Auch wenn ihr nichts verstehen solltet, erhaltet ihr trotzdem einen gute Eindruck. Es ist zu hoffen, dass bald auch deutschsprachige Erzeugnisse der Wobblies oder anderer ArbeiterInnen folgen.
Für Internet-Videos habe ich eine neue Kategorie in der linken Spalte eröffnet, wo ihr in Zukunft die gesammelten Filme finden werdet.
Viel Spaß und intelligente Unterhaltung wünscht euch
Heiner Stuhlfauth ( Redakteur www.wobblies.de)
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# Starbucks Workers Union
http://www.youtube.com/watch?v=OJTsZ9UWu1s
Länge: 2:26 Minuten.
Wobblies bei der „Mermaids-Parade“ (Meerjungfrauen-Parade) im Vergnügungspark Coney Island im New Yorker Stadtteil Brooklyn 2007. (Hintergrund: Starbucks missbraucht die Meerjungfrau als Wappentier). Man beachte die karnevalistisch-enthemmte Ausrichtung, die Liebe zum Detail in den Kostümen, die geübte Choreografie und den großen Spaß aller Beteiligten. Die Blas- und Rumms-Kapelle spielt den Klassiker „Union Maid“ (wörtlich: Gewerkschafts-Mädchen) – Melodie von Red Wing, Text von Woody Guthrie. Die Rettungsringe tragen die Aufschrift „Union“ (Gewerkschaft). Ein Transparent sagt: “Die Starbucks-Meerjungfrauen fordern Würde für alle ArbeiterInnen.”
# IWW New York City I.U. 460/640 Lager- und GroßhandelsarbeiterInnen
http://www.youtube.com/watch?v=ghkqN39l4Hc&mode=related&search=
Länge: 5:42
1. Juli 2007, 22 Uhr. Nächtlicher Protestmarsch und Streikposten der IWW vor dem Lebensmittel-Großhandel HWH Trading Corp. in Brooklyn / New York, der wegen sklavenähnlicher Arbeitsbedingungen attackiert wird (bis zu 110 Wochenarbeitsstunden, keine Überstundenzuschläge) und wegen seines Versuchs, die IWW durch Kündigungen aus dem Betrieb zu halten.
Ein eilig herbei geeilter Unternehmens-Vertreter macht hilflose Drohungen; ein grauhaariger NYC-Wobbly gibt einen sehr überzeugenden Gewerkschafts-Repräsentanten (war der früher bei den Hells Angels?). Beachtet den virtuos geführten Zahnstocher in seinem rechten Mundwinkel. HWH-ArbeiterInnen geben Auskunft. Viele von ihnen sind illegale Einwanderer aus Lateinamerika.
# IWW in England
http://www.youtube.com/watch?v=8agfPuZNWsI&mode=related&search=
Länge: 3:45
IWW protestiert am 2. Juni 2007 gegen die Schließung einer Postfilliale in Leicester, England. Interview mit Rob, einem der Organizer.
http://www.youtube.com/watch?v=_N8u7KzPOdo&mode=related&search=
Länge: 2:52
Nochmal Rob, der auf einer Demo gegen die Privatisierung des britischen Gesundheitssystems (vermutlich in Leicester) spricht und die IWW vorstellt. Anschauliche Bilder von der Demo, auf der die IWW und andere Gewerkschafter und SozialistInnen vertreten sind.
# JOE HILL
http://www.youtube.com/watch?v=HYS0zal7ObI
Der Song „Joe Hill“, komponiert von Alfred Hayes und Earl Robinson, interpretiert von den irischen Dubliners. Nur unterlegt mit einem Foto des Sängers Luke Kelly.
http://www.youtube.com/watch?v=pdSbKSQYXgo&mode=related&search=
Länge: 8:34
Der Song „Joe Hill“, komponiert von Phil Ochs, gesungen von Billy Bragg unterlegt mit einer Diashow aus historischen und aktuellen Bildern und Grafiken, darunter auch selten zu sehende.
http://www.youtube.com/watch?v=ZmyRip9OTZk&mode=related&search=
Länge: 6:19
Phil Ochs in einer seltenen Live-Aufnahme seines Songs über Joe Hill.
http://www.youtube.com/watch?v=UuvULorVlVw&mode=related&search=
Länge: 2:58
Der bekannteste Joe-Hill-Song „The preacher and the slave“ gespielt von einer unbekannten, aber guten Country-Band. Unterlegt mit einer Dia-Show aus Bildern und Grafiken.
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Hintergrundinformationen über die IWW Legende Joe Hill findet ihr hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Joe_Hill
Polizeikräfte greifen Protestmarsch gegen Sklavenhalter-Methoden an / IWW-Mitglied schwer verletzt / Wobblies bitten um Solidarität und Spenden
Am 11. August 2007 hielt die IWW Ortsgruppe aus Providence /Rhode Island (USA) einen Protestmarsch gegen „Jackie´s Galaxy“ ab, eine Restaurant-Kette, die von HWH/Dragonland in New York City beliefert wird. HWH ist bekannt für sklavenähnliche Arbeitsbedingungen mit bis zu 110 Wochenarbeitsstunden ohne grundlegende Arbeitsrechte wie Mindestlohn oder Überstunden-Zuschläge.

Etwa 30-40 Wobblies und Unterstützer fanden sich in North-Providence ein, darunter Mitglieder des SDS (Students for a Democratic Society) aus Boston und Providence. Nachdem sich der Protestzug in Bewegung gesetzt hatte, traf die Polizei wenig später mit einem massiven Aufgebot ein.
Die Beamten forderten die DemonstrantInnen auf, sich auf den Gehweg zurück zu ziehen. Nachdem das zunächst ignoriert wurde, gaben die Protestierer nach und bewegten sich langsam auf den Gehweg. Die Polizeikräfte umzingelte daraufhin die Protestierer mit Einsatzfahrzeugen und sprangen heraus. Dann attackierten sie die Demonstranten.
Die Genossin Alexandra Svoboda wurde dabei zu Boden gestoßen und erlitt einen Beinbruch und ein auf brutalste Weise verdrehtes Knie.
Ihre Verletzungen werden mindestens zwei Operationen erfordern und aufwendige Reha-Maßnahmen. Es ist heute nicht klar, ob sie jemals wieder vollständig genesen wird.
Jason, ein weiterer Wobbly, wurde mit Reizgas angegriffen und erlitt chemische Verbrennungen. Er brauchte ebenfalls medizinische Behandlung.
Dennoch setzten die Demonstranten ihren Marsch auf Jackie´s Galaxy fort und sprachen mit dem Besitzer, der zunächst versprach, den Großhändler zu wechseln und nun leugnet, mit HWH Handel zu treiben.
Das Geschäft bei Jackie´s Galaxy kam während der Aktion vollständig zum Erliegen. Die meisten Passanten waren aufgebracht von der Tatsache, dass Jackie´s die verbrecherische Ausbeutung bei HWH/Dragonland unterstützt.
Die Providence IWW und andere Unterstützer von Arbeiterrechten werden ihren Druck auf Jackie´s Galaxy aufrecht erhalten, bis sie die Geschäfte mit der Slavenarbeits-Bude HWH/Dragonland einstellen oder dort grundlegende Arbeiterrechte in Kraft treten – inklusive dem Recht auf gewerkschaftliche Selbstorganisation.
Bis dahin brauchen wir eure Unterstützung. Alex Svoboda wird angeklagt, die Polizei angegriffen zu haben. Wir brauchen Geld, um Alex und Jason juristisch zu verteidigen und um die medizienische Versorgung zu zahlen und einen Ausgleich für den Einkommensverlust zu schaffen, den Alex infolge der Polizeibrutalität erleiden wird.
Bitte sendet jede Spende, die ihr oder eure Organisation leisten könnt!
Die IWW im deutssprachigen Raum sammelt Geld für die GenossInnen in Providence auf folgender Bankverbindung:
M. Ashbrook
Postbank Frankfurt / Main
Kontonummer: 192 502 606
Bankleitzahl: 500 100 60
Stichwort: Providence
Schreibt Protest-Briefe!
Außerdem könnt ihr beitragen, Druck auf den Bürgermeister und den Polizei-Chef von North-Providence auszuüben. Das mindeste wäre eine Entschuldigung und die Rücknahme der haltlosen Anklagen, gegen die Polizei-Opfer. Ferner fordern wir, dass die Einzatzkräfte für die Verletzungen und Einkommensverluste aufkommen.
Bilder von der Aktion und dem brutalen Angriff findet ihr unter folgendem Link: http://jonathanmcintosh.smugmug.com/gallery/3293537
Bericht aus der lokalen Presse: Providence Journal, 14. August 07 (englisch)
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Adressen:
IWW Providence GMB
PO box 5795
Providence R.I.
02903
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Bürgermeister von North Providence:
Charles A. Lombardi
North Providence Town Hall
2000 Smith Street
North Providence, RI 02911
Telephone: (401) 232-0900, ext. 226
Fax: (401) 232-3434
Polizei-Chef:
Ernest C. Spaziano
North Providence Police Department
1967 Mineral Spring Ave.
North Providence, R.I. 02904
Business line: 401-233-1433
Fax number: 401-233-1438
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PS: Rhode Island ist der kleinste Bundesstaat der USA und liegt an der Ostküste zwischen Massachusetts und Conneticut.
Ein Bericht vom 18. und 19. Besetzungstag bei den ArbeiterInnen von Bike Systems
Wer nach Nordhausen/Thüringen mit der Bahn fährt, um die BesetzterInnen der Fahrradfabrik Bike Systems zu besuchen, braucht am Bahnhof keinen Passanten nach dem Weg zur Fahrradfabrik zu fragen - obwohl jeder den Weg weiß - der Besucher braucht nur seinen Ohren zu trauen. Er geht dorthin, wo ein lautes und permanentes Gehupe herkommt. Vor der Fabrik sieht man, zumindest bei gutem Wetter, ca. 20 Frauen und Männer in einer Reihe vor dem Werkzaun sitzen, einige haben rote Schirmmützen der IG Metall auf, alle haben Trillerpfeifen zur Hand. Fast jedes vorbeifahrende Auto hupt und alle BesetzterInnen heben als Antwort eine Hand mit hochgestrecktem Daumen und trillern nachhaltig. Ein hoher Lärmpegel an der vielbefahrerenen B 80, vom Hellwerden bis zum Dunkelwerden. Eine Kollegin hatte am ersten Besetzungstag, Dienstag, dem 10. Juli, die Idee, ein Schild zu malen : Bitte hupen. Das Schild braucht niemand mehr hochzuhalten! Es sind 135 Beschäftigte und 160 LeiharbeiterInnen, die hier bis Dienstag Fahrräder gebaut haben, zuletzt 9,5 Stunden am Tag, auch samstags. Auch nachdem sie erfahren hatten, daß das Werk geschlossen werden soll, montieren sie pflichtbewußt bis zum 10.7. weiter, bis zum letzten Auftrag. Für Juli haben sie ihren Lohn noch erhalten. Am Dienstag um 9:30 Uhr ist dann Betriebsversammlung. Am Tag vorher hatten sie erfahren, daß man sie so schnell und so billig wie möglich loswerden will. Bike Systems gehörte zu DDR-Zeiten zum VEB IFA Motorenwerk. Mitte der 80er Jahre erhielt IFA die Regierungsauflage, auch Konsumgüter herzustellen. Von da an wurden in Nordhausen Fahrräder gebaut.
Lone Star - Im Wendekreis der Heuschrecke
Nordhausen ist jetzt eine Kreisstadt mit noch 43 000 Einwohnern. Seit der “Wende” hat die Belegschaft mehrere Besitzer erlebt und erlitten, auch ein abgewendetes Insolvenzverfahren. Seit Dezember 2005 gehört Bike Systems dem Finanzinvestor Lone Star. Zu Lone Star gehörte auch Bike Systems in Neukirch/Sachsen. Der Finanzinvestor ist jetzt auch zu 25 Prozent an dem bisherigen Konkurrenten MIFA (Mitteldeutsche Fahrradwerke Sangerhausen) beteiligt. Bike System in Nordhausen war von da an nur noch die verlängerte Werkbank für die MIFA. Im Dezember 2006 wurde IFA Neukirch geschlossen mit minimalen Abfindungen – die KollegInnen wehrten sich nicht.
In diese Lage waren die NordhauserInnen gekommen, nachdem Lone Star alle Aufträge und alle Materialvorräte an den bisherigen Wettbewerber MIFA in Sangerhausen weitergegeben hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden täglich bis zu 2000 Fahrräder produziert.
Am Dienstag, auf der Betriebsversammlung beschließt die Belegschaft spontan, die Fabrik zu besetzen. “Wir haben keine richtige Erklärung wie das kam, es entstand mitten in der Belegschaft”. Die von Lone Star angebotene Summe hätte nicht mal ausgereicht, die Löhne für die Zeit des Kündigungsschutzes (ein bis sieben Monate, je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit) auszuzahlen. (Thüringer Allgemeine Zeitung vom 11.7.) “Mit einem Appel und einem Ei” wie in Neukirch wollen sie sich nicht abspeisen lassen. “Als die letzten sich noch in die Listen eintrugen, haben die ersten schon unten Transparente gemalt”. Es sind viele neue Plakate und Transparente dazu gekommen: Immer wieder taucht das Wort und das Symbol Heuschrecke auf.
Jemand hat eine Heuschrecke gebastelt und am Zaun aufgehängt. Am Schwarzen Brett, auf dem Weg zur Kantine hängt ein Plakat: Wir spenden Blut bevor uns Lone Star ganz aussaugt. (Dieser Spruch wird später in eine reale Blutspendeaktion umgesetzt!).

Die Belegschaft hält zusammen
Auf die Frage, wer die Idee zur Besetzung hatte, kommt jedesmal die Antwort: “Die Belegschaft”. Ich frage weiter, warum in Neukirch nichts passierte, hier aber besetzt wurde. “Wir haben nichts zu verlieren. Wir hatten immer ein gutes Betriebsklima, wie eine Familie. Und wir haben einen guten Betriebsrat”. Das mit dem guten Betriebsklima glaube ich sofort: alle sind entspannt und freundlich, die ankommenden KollegInnen werden begrüßt, oft in den Arm genommen. “Und jetzt ist es mit dem Betriebsklima noch viel besser geworden”, meint eine Kollegin. Sie meint nach der Besetzung.
Ich frage einen Kollegen mit einer roten IGM-Schirmmütze, ob er Gewerkschaftsmitglied sei. “Ach wo, ich trage die Mütze nur wegen der Sonne, die blendet vormittags so, die Mützen wurden hier massenhaft verteilt”. Ob denn viele Kollegen Gewerkschaftsmitglied seien, will ich wissen. “Außer dem Betriebsrat kaum welche”. Dennoch ist ein Nordhauser Gewerkschaftssekretär oft vor Ort und unterstützt den Kampf. Bei einer Frage nach dem Lohn sind die KollegInnen zurückhaltend: “Wir durften über den Lohn nicht reden, das war ein Kündigungsgrund, wurde uns gesagt”. Dann sagt der Kollege doch: “Wir verdienen etwa 1 000 Euro netto, Urlaubs- und Weihnachtsgeld wurde uns ja schon gestrichen”.
Es gibt keine vorfabrizierten IGM-Parolen sondern ausschließlich eigengefertigte Transparente und Plakate, die der Lage Ausdruck geben:
“Vorsicht! Texanische Heuschrecke frisst sich durch durch Deutschland”
“Gestern Neukirch, heute Nordhausen, - und morgen (?) die Mifa”
“Wir wollen arbeiten und lassen uns von der Heuschrecke Lone Star nicht auffressen”
“Gestorben 30.06.07. Danke Lone Star!”
“Abfallprodukt der US Lone Star: Ein Mensch” (raufgeschrieben auf einen großen schwarzen Müllsack).
Wie in der Produktion teilen die Schichtleiter die Besetzungsschichten ein, ein Zeichen, daß sie voll mitziehen. Der frühere Produktionsleiter (!) ist für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Nur der Chef von Bike Systems, Frederick P. Müller, genannt Müller III, steht auf der Gegenseite. Nachdem er Neukirch erfolgreich im Sinne von Lone Star abgewickelt hatte, wurde der frühere Unternehmensberater, ein Wessi, Chef in Nordhausen. Als die KollegInnen den Betrieb übernahmen, wahrte er nicht mehr die Contenance und geriet ganz außer sich.
Eine warme Welle der Solidarität
Nachts stehen zehn Besetzer Posten, Frauen nicht mehr nachts. Tagsüber sind oft 30-40 BesetzerInnen da, trinken Kaffee, Selter, Bier ist verboten. Ständig ist was los, ständig muß organisiert werden. Am 17. Besetzungstag war ein Chor der Uni Göttingen, bestehend aus verdi-KollegInnen da. Sie sangen moderne und Arbeiterlieder. Sie hatten extra ein Lied gedichtet. Kurz vorher hatte die Belegschaft ein Kinderfest organisiert, viele Firmen der Stadt hatten es materiell unterstützt. Der Ertrag des Festes, 400 Euro, wurde für ein geplantes Kinderhospiz gestiftet. “Wir haben soviel Freundlichkeit und Sympathie aus der Stadt bekommen, das wollten wir zurückgeben”. Dieser Satz eines Kollegen klingt gar nicht gekünstelt sondern ganz echt.
Das Bläserquartett eines hiesigen Orchesters war dagewesen und hatte ein kleines Konzert gegeben. Für die nächste Woche ist eine weitere Fahrradtour durch Nordhausen und Umgebung geplant.
Am 23. Besetzungstag will attac aus Leipzig kommen und einen Film über eine Fabrikbesetzung in Argentinien zeigen. Am 25. Besetzungstag dann Kollegen und Unterstützer von Bosch-Siemens aus Berlin, die einen Film über ihren Streik zeigen.
Am kommenden Freitag gehen die KollegInnen zum Blutspenden nach dem Motto: “Wir geben unseren letzten Tropfen, bevor uns Lone Star ganz aussaugt”.
Am Wochenende ist Stadtfest in Nordhausen. Die BesetzerInnen machen eine Art TÜV-Stand: Alle NordhäuserInnen können ihre Fahrräder durchprüfen lassen.
Am Zaun, für jeden Vorbeifahrenden sichtbar hängt ein Pappschild mit dem Besetzungstag. Ich bin am 17. und 18. Besetzungstag dort. Nachts wird das Schild angestrahlt. Abends gegen zehn kommt ein Polizeiauto vorbei und hupt. Als Reaktion Daumen nach oben, ein besonders lautes Trillern und ein trockener Kommentar: “Das ist der erste, der hupt, bisher haben die Polizisten nur freundlich gewunken”.
Landespolitik: machtlos und ohne Ideen
Der thüringische Ministerpräsident Althaus war mittels eines offenen Briefes um Unterstützung, d.h. Suche nach einem Investor gebeten worden und um einen Besuch im Werk. Die Antwort steht am Freitag, dem 27.7. in der Thüringer Allgemeinen Zeitung: “Dieter Althaus (CDU) kommt nicht. Der Thüringer Ministerpräsident lehnte die Einladung ins Fahrradwerk …ab. Die Landesregierung habe keine Möglichkeit, politischen Einfluß auf die Entscheidungen von Bike Systems zu nehmen…” Die KollegInnen diskutieren und sind sich einig: “Wenn der Althaus nicht zu uns kommt, fahren wir eben nach Erfurt. Wir sind schon mal im Landtag gewesen”. Die Absage wird schon als kleiner Affront empfunden: “Wir zahlen doch dem Althaus mit unseren Steuern sein Gehalt und der kommt nicht mal hierher”. “Erst zahlen die Politiker denen Subventionen und die kriegen Steuerermäßigungen, dann macht Bike Systems den Laden dicht und braucht keine Steuern zurückzahlen. Und uns will Lone Star auch noch um die Abfindung prellen!”. Nachdem sie es schon aus der Zeitung erfahren hatten, bekamen sie am Dienstagmittag dann ein Fax mit der förmlichen Absage. Der Ministerpräsident scheibt: “Der Verlust von 130 Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe ist schmerzlich. Für die Thüringer Landesregierung besteht allerdings kaum eine Möglichkeit auf unternehmerische Entscheidungen Einfluß zu nehmen; eine Intervention mit dem Ziel der Rückgängigmachung der Betriebsstillegung wäre offensichtlich aussichtslos…”.
Den Beschäftigten wurde angeboten, bei MIFA in Sangerhausen weiterzuarbeiten. Nur zwei Kollegen haben eingewilligt. Die anderen befürchten, ihre durch jahrzehntelange Arbeit erworbenen Ansprüche zu verlieren: Kündigungsschutz bis zu sieben Monaten, Abfindung. Und sie fürchten, in Sangerhausen dann die ersten zu sein, die rausfliegen. Sie halten durch, weil sie eine angemessene Abfindung haben wollen, sie sehen nicht ein, daß sich ein milliardenschwerer Konzern aus der “Verantwortung davonstehlen” will. Warum will Lone Star diese peanuts nicht zahlen? Weil er befürchtet, in Zukunft mit hohen Abfindungsforderungen konfrontiert zu werden? Die Streikenden von AEG Nürnberg erkämpften sich bekanntlich 2006 eine monatliche Abfindungsquote von 1,88 pro Beschäftigungsjahr.
Hohe Abfindungen oder neuer Investor?
Wenn kein Geld da ist, müßte Bike Systems Konkurs anmelden. Wenn das nicht passiert, wäre das Insolvenzverschleppung, die strafbar ist. Ein Konkurs andererseits würde dem Ruf schaden, den selbst Heuschrecken anscheinend noch zu verlieren haben. Außerdem besteht bis zum 31.12.07 Standortbindung, da Bike Systems öffentliche Mittel erhalten hat.
Am liebsten wäre den Kollegen, daß ein neuer Investor käme: “Was wir dann produzieren, wäre uns ziemlich egal”. Das scheint mir aber nur so dahingesagt, der Produzentenstolz auf ihre Fahrräder dringt immer wieder durch.
Am 18. Besetzungstag ist wieder Betriebsversammlung, diesmal mit ihrem Anwalt, Jürgen Metz aus Erfurt, den sie schon seit dem Insolvenzverfahren kennen. Die Gesichter der Herauskommenden signalisieren: Nichts Neues. Anfang August soll es eine Verhandlung bei der Einigungsstelle geben.
Der jetzige Besitzer des Geländes und der Anlagen heißt Biria. Bike Systems ist nur Pächter. Ab und zu kommen noch LKW auf das Gelände und holen Fahrradteile ab. Der Anwalt hat ihnen geraten, die Transporte nicht zu behindern.
Ein Kollege verspricht mir, am nächsten Tag einen Katalog der im Werk hergestellten Fahrräder mitzubringen. Es sind Fahrräder bis ca. 2 000 DM drin, viele der Marke Dührkop. “Früher haben wir auch hochwertige Rennräder hergestellt, die letzten Jahre eher für Baumärkte und aldi”.
Mit der Post wird ein großes Paket mit Kaffee (Marke Störtebeker) gebracht, mit dem Versprechen, bei Bedarf ein weiteres Paket zu schicken. Absender ist ein Hamburger Kollektiv. Es gehen etliche Solidaritätsschreiben ein, in einigen steht die Aufforderung, doch die Firma zu übernehmen und weiter Fahrräder zu bauen. Es sind schon mehrere Bestellungen dabei! Ein Mann aus Holland schreibt, er kenne mehrere linke Fahrradhändler, die würden gern die Fahrräder aus der besetzten Fabrik verkaufen. Ich mache einen Kollegen auf die Bestellungen und Versprechungen aufmerksam. Er habe auch schon dran gedacht, das wäre eine schöne Lösung. Aber einige gute Kollegen, die man dazu brauchte, seien schon nicht mehr da – und woher solle das Geld kommen?
Ich denke an das Jahr 1973, die Besetzung der Uhrenfabrik LIP in Besancon (Frankreich). Bei ihnen wurden zigtausende Uhren in wenigen Wochen bestellt, sie kamen mit der Produktion kaum nach. Die Solidarität nicht nur in Frankreich war atemberaubend. Davon rede ich aber nicht. Ich würde mir vorkommen wie: Der rote Großvater erzählt.
Das zentrale Symbol der Besetzung ist die Heuschrecke, der zentrale Satz: “Wir haben nichts zu verlieren”. Beim halbjährigen Streik von gate gourmet in Düsseldorf 2005/2006 gab das Plakat “Menschenwürde!” den Kern des Kampfes wider.
Als ich mich verabschiede, kommt mir der Gedanke, daß Besetzung genau so anstrengend sein kann wie Produktionsarbeit: wahrscheinlich haben die Posten vor dem Zaun schmerzende Kehlen, Arme und Daumen. Ich habe sie leider nicht danach gefragt. Aber mit ihrer ausdauernden Antwortgeste auf das Solidaritätshupen wollen die BesetzerInnen wohl ihre Hartnäckigkeit und Unnachgiebigkeit bekunden.
Auf der Heimfahrt fällt mir ein, daß die gelassene, ja heitere Stimmung der stärkste Eindruck in diesen beiden Tagen war. Auf der Hinfahrt hatte ich gedacht, daß mich Wut, Empörung, vielleicht Niedergeschlagenheit und Angst vor ALG II erwarten. Sie haben alles wohl schon mehrere Male durchlebt in einer Achterbahn der Gefühle – geblieben ist Gelassenheit, Offenheit, fast heitere Stimmung.
Dieter Wegner, Jour Fixe der Gewerkschaftslinken Hamburg. (Stand 31.7.07)
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Spendenkonto: Kreissparkasse Nordhausen, BLZ: 820 540 52, Nr. 30026518, Kennwort: Besetzer Bike Systems
Email-Adresse der Streikenden: fahrradwerk@gmx.de / Weitere Informationen: www.labournet.de
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