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Erik Forman* über einen Anfang bei Starbucks

Dieser Artikel ist zuvor erschienen in: express, Zeitung für sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 05/2015 – Veröffentlichung an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung derselben.

Geschichten über alltägliche Widerständigkeit am Arbeitsplatz haben es oft schwer: Entweder werden sie nicht genug geschätzt und verschwinden, oder sie kursieren als HeldInnengeschichten im kleinen Kreis, am Kneipentisch, beim Bierchen – oder auch im Stehcafé. Dass solche ›Kämpfchen‹ Potential haben und es wert sind, der bloß kolportierten Überlieferung entrissen zu werden, zeigt die folgende Geschichte über die Anfänge der Starbucks-Organisierung in den USA von Erik Forman. Sie ist unter dem Titel »Ok, which exit is it?« bereits 2013 in dem Sammelband von Scott Nappalos: »Lines of Work: Stories of Jobs and Resistance« (Black Cat Press) erschienen, wurde von der Frankfurter Gruppe der IWW frisch übersetzt und für den express leicht überarbeitet und gekürzt. Eine Anregung für die Produktion künftiger Geschichten über HeldInnen des alltäglichen Arbeitskampfs – und für FreundInnen des schnellen Kaffees im Gehen…

»Ok, welche Ausfahrt ist es?«
»494, richtig?«
»Scheiße, Mann. Ich weiß es nicht! Normalerweise nehme ich die U-Bahn zur Arbeit.«
»Verdammt noch mal. Wie spät ist es? 12:30 Uhr. Mist. Wir haben gesagt, dass wir um 12:30 Uhr da sein werden.«
»Um Himmels willen! Weißt Du, ob Rachel und Christina schon da sind?«
»Keine Ahnung. Schau mal auf mein Handy. Haben sie mir geschrieben?«
Ich fischte mein Handy aus der Tasche, das Lenkrad umklammernd, als der Dodge Karavan der Tante meines Kollegen den Highway entlang donnerte. Wir hatten keine Ahnung, wo wir lang fuhren, und nur den leisesten Hauch einer Ahnung, was wir machen würden, wenn wir ankommen.
»Bleibt ruhig, Leute« sagte Jake vom Rücksitz aus. »Ich habe Rachel gerade geschrieben, sie verspäten sich auch. Wir können uns um 12:45 Uhr treffen. Falls wir bis dahin die Mall of America finden.«

Ich arbeitete seit ungefähr sechs Monaten bei Starbucks in der Mall of America. Die Arbeitsbedingungen waren so schlecht, wie man sie erwarten würde bei acht Stunden Nonstop-Getränkeproduktion und Kundenkontakt, mit Schlangen, die bis vor die Tür reichen. Zehn-Minuten-Pausen, die aufgrund des Personalmangels immer Stunden zu spät zu kommen schienen. Das einzig Gute an der Arbeit in diesem Frappuccino-Sweatshop war die Kollegialität, die sich unter uns LohnsklavInnen im Alter um die zwanzig entwickelt hatte. Die letzten Monate über hatten wir uns außerhalb der Arbeit getroffen, oftmals um nur ein paar Bierchen zu trinken, aber auch, um mit wachsender Ernsthaftigkeit Kampagnen zur Durchsetzung unserer Forderungen zu planen. Wir waren Teil der IWW-Starbucks Workers Union1 und wir hofften ein wenig darauf, unsere kleine Kaffeefabrik zu einem Standbein der ArbeiterInnenmacht in der Mall of America machen zu können.

Weiterlesen: Stehcafe-Schwitzbude

Schlagzeilen:

  • Harvard Workers Got The Cold Shoulder This Winter
  • NYC IWW: Beverage Plus, Pay Up!
  • Strikes, Worker Revolts Worldwide

Leitartikel:

  • May Day: Remembering Our Past, Looking Toward The Future
  • How To Be A Life-Long Wobbly: Six Tips
  • Review: Elizabeth Gurley Flynn, Modern Revolutionary

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