FW David Graeber auf Tour durch den Blätterwald

Der Anthropologe, Anarchist, Occupy-Aktivist und Wobbly findet breite Resonanz im bürgerlichen Feuilleton

[Eine kommentierte Zusammenstellung von Heiner Stuhlfauth. Sie muss nicht der Meinung der deutschsprachigen Wobblies entsprechen.]

Es fühlt sich merkwürdig an, wenn eine Genosse, der 2005 aus politischen Gründen als Dozent von der Elite-Uni Yale geschasst wurde, inzwischen Lob von solchen Leuten bekommt: Thomas Mayer, Chefökonom der Deutschen Bank, findet sein Buch sehr gut. Auch Gillian Tett ist begeistert, sie leitet die amerikanische Ausgabe der “Financial Times”. Und Frank Schirrmacher, einer der Herausgeber der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, schreibt: “Eine Befreiung. Dies ist ein herrliches und hilfreiches Buch.” (Zitat Welt-Online)

Unser Kollge David Graeber verschafft den Industrial Workers of the World momentan Erwähnungen in Medien, zu denen wir bislang kaum Zugang hatten. Derzeit stellt er sein Buch “Schulden” in Deutschland vor und darf (bzw. muss) in diesem Zusammenhang auch mit dem oben erwähnten König des Deutschen Feuilletons, Frank Schirrmacher (u.a. Autor des niederträchtigen Pamphlets “Der Methusalem-Komplott”) diskutieren (hier die Termine der Lesereise).

Das neoliberale Leitmedium “Der Spiegel” macht ihn zum “Urvater der Occupy-Bewegung”, an anderer Stelle ist er deren “Vordenker”. Hierin spiegelt sich vor allem die hierarchische, auf Heilsbringer und TV-kompatible Figuren fixierte Struktur der herrschenden Medien, die schon im Mai 1968 Lautsprecher wie Daniel Cohn-Bendit benötigten und erschufen. Man kann nur hoffen, dass dem Kollegen Graeber ein solches Schicksal erspart bleibt.

Das alles spricht nicht gegen Graebers Texte, auch nicht gegen seine aktive Rolle in der Occupy-Bewegung. Erfolg ist doch etwas Schönes, oder? Man fragt sich angesichts des massiven Applaus aus ungewohnter Ecke dennoch unweigerlich: Läuft hier irgendetwas schief? Oder genauer gefragt: Was darf man NICHT schreiben, um in der deutschen Mainstreampresse wohlwollendes Gehör zu finden?

Eine Antwort haben wir darauf nicht und es wird eine Weile dauern, bis der Output des Kollegen verdaut ist. Seine vier fast parallel erscheinenden Bücher bedeuten schon rein gewichtsmäßig eine Menge Holz:

Graeber wird umfangreich im deutschssprachigen Blätterwald rezipiert. Hier eine Auswahl.

Eine erste Kritik von linker Seite legte Ingo Stützle in analyse und kritik vor. Er weist drauf hin, dass Klassen bei Graeber nicht vorkommen: “Schuld und Sühne“, ak 572.

Wer hat Angst vor Anarchismus?, FAZ vom Januar 2012

Occupy-Urvater Graeber im Interview “Wir werden dramatische Umbrüche erleben”, Spiegel-Online vom 18. Mai 2012.

“Der böse Geist des Geldes”, Welt-online vom 14. Mai 2012

Am 20. Mai ist Fellow Worker Graeber mit einem Interview in der Süddeutschen Zeitung vertreten, sowie in der ARD-Sendung Titel, Thesen, Temperamente.

 

Occupy-Urvater Graeber im Interview “Wir werden dramatische Umbrüche erleben”

17 Kommentare

  1. MarkS sagt:

    Graeber-Portrait in jW:
    Ein Anarchist mit Klassenstandpunkt
    Porträt. Der Ethnologe David Graeber hält nicht viel von
    marxistischer Theorie. Trotzdem läßt sich eine Menge von ihm lernen
    (Thomas Wagner)


    http://www.jungewelt.de/2012/08-07/001.php?print=1

  2. ulf sagt:

    Eine Buchbesprechung zu “Schulden. die ersten 5000 Jahre” als Vorabdruck aus der nächsten Wildcat findet sich unter http://www.wildcat-www.de/wildcat/93/w93_bb_graeber.html

  3. MarkS sagt:

    Klasse

    “Graeber situates the emergence of credit within the rise of class society, …”
    Paul Mason im Guardian
    http://www.guardian.co.uk/books/2011/dec/02/books-christmas-presents-economics-reviews/print
    (Ob der das Buch wohl auch gelesen hat?)

    “Die Anwendung theoretischer Konzepte hat durchaus den Blick auf
    Dinge freigelegt, die ansonsten übersehen worden wären.
    Beispielsweise die wohl heimtückischsten »verborgenen Auswirkungen
    der Klassengesellschaft« in Nordamerika:
    Aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht wird
    Menschen das Recht vorenthalten, Gutes zu tun, edelmütig zu handeln
    beziehungsweise irgendeine Form von Wert anzustreben, die nicht mit
    Geld zu tun hat. Oder zumindest wird es ihnen verweigert, Gutes zu
    tun und dafür im Gegenzug finanzielle Sicherheit oder irgendeine
    andere Form der Entlohnung zu erhalten. Der leidenschaftliche Hass
    auf die »liberale Elite«, der in rechtspopulistischen Kreisen so
    ausgeprägt ist, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als völlig
    verständliche Empörung über eine Klasse, die ihren eigenen Kindern
    die Chance bietet, Werte wie Liebe, Wahrheit, Schönheit, Ehre und
    Anstand anzustreben und sich damit ihren Lebensunterhalt zu
    verdienen. Allen anderen wird diese Möglichkeit jedoch vorenthalten.”
    David Graeber in der Einleitung zu “Kampf dem Kamikaze Kapitalismus”
    http://www.randomhouse.de/Paperback/Kampf-dem-Kamikaze-Kapitalismus-Es-gibt-Alternativen-zum-herrschenden-System/David-Graeber/e415035.rhd?mid=4&exc=311699&showpdf=true#tabbox

    anarcho-kommunistischer Gruß
    MarkS

  4. Avraham Shlonsky sagt:

    Ich habe das Buch SCHULDEN vor einigen Tagen zuende gelesen.

    Kapiert habe ich, dass gemäss Graeber zuerst die Schulden da waren und später das Geld irgendwann hinzukam. Das Geld hatte zur Ursache, dass Schulden, die vorher zwischen Familien-/Dorf- usw. Angehörigen persönliche Abhängigkeiten und Verpflichtungen auf Basis eines persönlichen Vertrauens begründeten, nun zu einer unpersönlichen Sache zwischen Schuldner und Gläubiger wurden. Und wenn etwas unpersönlich wird, dann gibt es bald auch keine gegenseitigen Verantwortlichkeiten (Hilfst du mir, dann helfe ich dir) mehr.

    Leider fehlt dem Buch jede Polemik, so dass das Buch insgesamt gesehen etwas langweilig ist. Sein weiteres Buch INSIDE OCCUPY soll in dieser Hinsicht anders sein, aber das habe ich nicht gelesen.

  5. is sagt:

    Ich werde in Zukunft verstärkt versuchen, mein »marxistische Paralleluniversum« aufzuschließen ;-) Auch wenn es schwer fallen wird. Texte werden dann meist noch länger :-( Woran ich aber in jedem Fall kein Interesse: Ausschluss produzieren oder eine Konstellation/Situation, in der sich Linke nicht mehr verständigen können.

  6. cgn01 sagt:

    Den längeren Artikel von Ingo Stützle ( http://www.stuetzle.in-berlin.de/2012/05/nachtrag-zur-graeber-besprechung/ ) fand ich sehr interessant und nützlich. Interessant vor allem diese Passage:

    >>>was die Debatte eigentlich zum Ausdruck bringt: einen Streit darüber, wie der Kapitalismus re-reguliert werden kann und soll. Das hat wenig damit zu tun, dass bürgerliche Kräfte antikapitalistisch werden oder plötzlich eine Affinität zur kommunistischen Idee entwickeln. Vielmehr verständigen sie sich unter sich, d.h. als bürgerliche Klasse, wie der Kapitalismus eine Zukunft habe kann.< <

    Auch wenn ich andererseits feststelle, dass ich immer größere Schwierigkeiten habe dieses marxistische Paralleluniversum mit eigenen Wörtern, Begriffen etc. zu betreten, in dem Ingo sich sehr souverän bewegt. Für dieses scholastische "schon Marx sagte vor 200 Jahren hierzu..." fehlte mir schon immer das Verständnis. Es erinnert mich an kirchliche Diskursformen aus dem Gottesdienst. Und ich glaube vielen Arbeiter_innen ging es genauso.

    Dem Bebelzitat von Abraxas möchte ich noch ein Lenin-Zitat beifügen, dass ich soeben hier fand (http://www.nachdenkseiten.de/?p=13387 )

    >> Sag mir, wer Dich lobt und ich sage Dir, worin Dein Fehler besteht.<<

  7. is sagt:

    Ich habe noch einen Nachtrag zu meiner Besprechung geschrieben: http://www.stuetzle.in-berlin.de/2012/05/nachtrag-zur-graeber-besprechung/

  8. leo bronstein sagt:

    Es geschah am Donnerstagabend vergangener Woche, daß ich obschon schlaftrunkend durch den Bilderschwall der Visuellenpropaganda zappte und ausgerechnet bei der ZDF Beschwöhrerin der Herrschenden Meinung, Anne Will, stehen blieb. Dies aber auch nur aus dem Grunde, weil dort plötzlich neben den üblichen Verwaltern des Kapitals wie Söderle oder Bank- oder Industriechef XY, nun plötzlich Hr. Graeber angekündigt wurde. Bei Anne Will !!! das muß man/fau, in diesem falle ich, erst einmal verdauen. Ich habe dann zugeschaut und bekommen was ich befürchtete. Frage Frau Will: “Sind Ihrer Meinung nach die Banken an allem Schuld?” Antwort Hr. Graeber:”Ja!” Das sagt doch alles oder!? Und im Anschluß nimmt er auch noch in dieser illustren Runde seinen Platz ein.

    Ich gebe zu nur marginal etwas von Hr. Graeber gelesen zu haben und bin darüber nun auch sehr dankbar. Das ein Zitat des Herrn Schirrmacher das Cover von “Schulden” ziehrt, das der “Kamikaze”- Kapitalismus (es kostet mut das zu schreiben) an allem Schuld sei und Wir (noch stärker kraftaufwand notwendig) 99% seien, das ist so Banal das ich Kotzen möchte.

    Die Staats- und Kapitaltragenden Eliten schmücken sich mit sog. Radikalen, die dem Ganzen und das Wissen sie, so gefährlich werden können wie bloccupy dem geregelten Frankfurter Innenstadt Verkehr und die evtl. dem System sogar neue Impulse geben können wo ihr Suche nach neuen Möglichkeiten zur Normalisierung der Akkumalition, zwecks Kriesenreduktion bisher ohne Erfolg waren.

    Danke Hr. Graeber, danke Frau Will.

  9. is sagt:

    Ich freue mich darauf, zusammen mit Teodor Webin das Register der dt. Auflage um das Stichwort »Klassen« erweitern zu können – ich habe das Buch nämlich gelesen.

    Graeber bringt seine These eben in einem Satz ganz gut auf den Punkt:

    »Alle Wirtschaftsgeschichte ist ein Krieg zwischen Gläubigern und Schuldnern, und die Beschaffenheit des Geldes gibt das Schlachtfeld ab.«

    Quak!

  10. Teodor Webin sagt:

    Die Regel “erst lesen, dann quaken” hätte sich Ingo Stützle vielleicht auch mal zu Herzen nehmen sollen… dass bei Graeber Klassenverhältnisse keine Rolle spielen, stimmt schlicht nicht. David Graeber argumentiert nur schlicht nicht im marxistischen Sinne, bzw. in dem Sinne, wie Stützle Marx versteht. Das ist nun ja ausgerechnet die “Neue Marx-Lektüre”, in der Klassen auch keine besonders aktive Rolle mehr spielen. Recht hat Stützle tatsächlich damit, wenn er kritisiert, dass Geld bei Graeber nur Schulden sind, das ist bei Marx mit Zins, Kredit, Rente, Lohn schon differenzierter – man könnte aber sagen: Graeber untersucht eine ältere, simplere Geldsprache, aus der sich der Kapitalismus mit seinem ausdifferenzierten Geldsystem – quasi als “Hochgeld” entwickelt hat – die Grammatik ist differenzierter, der ethymologische Zusammenhang – Schuld(en) – aber bleibt.

    Noch ein paar Anmerkungen zum Text: “Frei von Herrschaft” ist bereits 2008 auf deutsch erschienen und seitdem unter Anthropolog_innen (ich wusste bis vor kurzem nicht mal, dass es hierzulande so ein Uni-Fach gibt…) schon viel diskutiert. Sind also nur drei aktuelle Schinken… das nur so nebenbei.

    Es gibt durchaus einiges an Graeber zu kritisieren, weshalb man sein Engagement nicht missbilligen muss. Ich frage mich manchmal, wie Graeber in der IWW zurechtkommt, ist er doch weit eher Neoanarchist, hat ein recht simples Staatsbild, präsentiert einen sehr klischeehaften Konsens-Anarchismus, interpretiert mir doch etwas zu einfach die Antiglobalisierungsbewegung zu einer Erfolgsgeschichte um und seine ökonomische Offenheit ist durchaus anschlussfähig für dubiose “Libertarians” u.ä. (auch wenn er sich davon deutlich distanziert). Was mich allerdings am meisten nervt, und darum schreib ich das hier auch noch mal, dass es eben nicht allein die Mainstream-Medien sind, die Graeber zum “Urvater” und “Vordenker” der Occupy-Bewegung machen, sondern dass er selber fleissig an diesem Mythos strickt. In “Inside Occupy” zitiert er die Mail, in der er das erste Mal den Begriff der 99% vorschlägt, in “Kamikaze-Kapitalismus” (bekloppter Titel übrigens, aber Bertelsmann musste sich wohl vormachen, dass es nicht auch gegen ihren Kapitalismus geht… ausgerechnet…) betont er den Einfluss seiner Texte auf die griechische Revolte… er nimmt sich zwar immer wieder ein wenig zurück, aber letzten Endes präsentiert er sich selber als den generösen Vordenker. Und das gilt übrigens auch noch mal für die Organisationen, über die er spricht: Graeber konstruiert eine Genealogie der Occupy-Bewegung, die diese direkt auf die Antiglobs zurückführt. Das ist SEINE Geschichte. Tatsächlich dürfen wir die momentanen globalen Bewegungen als “Erben” der Antiglobs bezeichnen, aber sicher nicht in einer personellen und politischen Kontinuität, sondern eher in dem Sinne, dass nun nicht mehr allein irgendwelche Polit-Aktivist_innen gegen die Probleme der kapitalistischen Globalisierung ankämpfen, sondern die Opfer selber zu Akteur_innen werden.

    Wie dem auch sei: Die Bücher lohnen sich. Und es ist schon eine Weile her, dass man dermaßen deutliche antikapitalistische Werke in jeder Bahnhofsbuchhandlung fand.

    • cgn01 sagt:

      Danke für den sehr informativen Beitrag. Dafür wurde die Kommentarfunktion geschaffen! Mehr davon!!

    • Teodor Webin sagt:

      “Das ist nun ja ausgerechnet die ‘Neue Marx-Lektüre’, in der Klassen auch keine besonders aktive Rolle mehr spielen.
      Nee, das trifft nun auf Ingo Stützle wirklich nicht zu. Da ist der Blogtroll mit mir durchgegangen…

  11. moritz sagt:

    Gute alte Regel:
    Erst lesen, dann quaken!

  12. Kleine Hexe sagt:

    Für einen ungebildeten Menschen ist das Lesen von Zitatensammlungen eine gute Sache.

    Winston Churchill – My Early Life
    britischer Politiker (1874-1965)

    • Abraxas sagt:

      Die Arbeiterklasse ist nicht die gebildetste klasse. Aber Bebel kennen wir doch auch noch. Die von unserer Arbeitskraft gebildeteten sollten das Privileg zu Gunsten derer nutzen die ihnen die Bildung durch ihre Arbeit ermöglicht haben.

  13. Abraxas sagt:

    Wenn mich meine Feinde loben, kann ich sicher sein, einen Fehler gemacht zu haben.

    August Bebel – Zitate und Sprüche August Bebel

    deutscher Politiker (1840 – 1913)