Eine Aufführung am Hamburger Schauspielhaus schlägt hohe Wellen. Kommentar von Heiner Stuhlfauth
[Hinweis: Dies ist die Meinung eines Einzelnen, die nicht repräsentativ für eine Gruppe oder die gesamte IWW sein muss.]
Im Anschluss an eine Aufführung von Peter Weiss´”Marat” verlesen 24 Arbeitslose auf der Bühne die Namen der 24 reichsten Hamburger (4 Millionäre hatten gerichtlich ein Nennen ihrer Namen verhindern können).
Der Theaterregisseur Volker Lösch bringt in seiner Bearbeitung des Stücks, das ursprünglich aus dem dem Jahr 1964 stammt, außerdem die folgende Erkenntnis - skandiert durch ein Arbeitslosen-Heer - auf die Bühne: “Wenn die 28 reichsten Hamburger 2,5 Prozent Vermögenssteuer zahlen würden, dann stünden dem Haushalt der Stadt 1,2 Milliarden Euro zur Verfügung!”
Wie die Zeiten sich doch ändern
Wir erinnern uns: Es war der damalige deutsche Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit Wolfgang Clement, der den Begriff des “Sozialmissbrauchs” in die öffentliche Debatte gebracht hat. In einer Veröffentlichung seiner Behörde aus dem Jahre 2005 (Vorrang für die Anständigen - Gegen Missbrauch, „Abzocke“ und Selbstbedienung im Sozialstaat. Ein Report vom Arbeitsmarkt im Sommer 2005) ist auf Seite 10 sogar die folgende Passage zu lesen:
Biologen verwenden für „Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben“, übereinstimmend die Bezeichnung „Parasiten“. Natürlich ist es völlig unstatthaft, Begriffe aus dem Tierreich auf Menschen zu übertragen. Schließlich ist Sozialbetrug nicht durch die Natur bestimmt, sondern vom Willen des Einzelnen gesteuert.
Natürlich ist es völlig unstatthaft… Parasiten…
Man muss sich diese “Report” genannte Hetze drei Jahre nach ihrer Veröffentlichung wieder vor Augen führen. (Ich kann mich nicht dagegen wehren, wenn ich Wolfgang Clements Bild sehe ständig den - natürlich völlig unstatthaften - Gassenhauer aus der französischen Revolution in meinem geistigen Ohr zu hören: Ah, ca ira, ca ira a la laterne! - Oh, es geht, oh es geht an die Laterne!)
Heute in Zeiten von Finanz-Crash, Geld-Verbrennung und Schrott-Papieren…
bekommt die Parasiten-Passage einen ganz neuen Sound. 2005 schwamm die Bourgeoisie noch ziemlich weit oben und meinte auf uns, die wir uns kaum über Wasser halten konnten, herunter spucken zu dürfen. 2008 denkt man bei “Sozialbetrug” vornehmlich an Millionäre, die keine Steuern zahlen.
Sozialbetrug ist es auch, dass der Staat den Banken bis zu 500 Milliarden Euro als Rettungspaket in den Hintern blasen wird - Geld das uns als RentnerInnen und unseren Kindern als Erwachsenen, die vielleicht studieren möchten, fehlen wird. Geld, das es irgendwann vermutlich nicht einmal mehr geben wird, weil die Währung verfällt und der Staat sich seiner Schuldenlast durch Bankrott und Neustart entledigen wird (Siehe auch: 1948 - Währungsreform - Die Stunde Null).
Es wird Zeit, dass wir die Hetze gegen Arbeitslose als “Sozialschmarotzer” dorthin zurück tragen, wo sie herkommt: in die Wohn-Viertel der oberen 10.000, die über Presse und Glotze die öffentliche Meinung diktieren.
Und es ist keine schlechte Idee, den ursächlichen Zusammenhang zwischen Arm und Reich auf eine Theater-Bühne zu bringen, ist doch das Theater stets die “moralische Anstalt” des Bürgertums gewesen.
Wohltäter und verdiente Bürger am Pranger?
Bei der Uraufführung von “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?” war auf jeden Falls der Bär los. Die Hamburger Kultursenatorin schäumte; die Wohltäter, Spender und Stifter der Kultur unter den Hamburger Millionären drohen mit Wohltatsentzug.
Wir möchten sie zur Besinnung rufen: Natürlich kann man davon reden, dass die 24 Millionäre durch ihre Nennung auf der Bühne an den Pranger gestellt wurden (deren Namen übrigens aus dem Manager-Magazin stammen sollen).
Aber das ist doch immer noch eine Recht humane Form der emotionalen Regulierung gesellschaftlicher Spannungen. In der französischen Revolution, in der Jean Paul Marat eine wichtige Rolle spielte, kam die herrschende Klasse (die Aristokratie) ganz woanders hin, nämlich unter die Gouillotine.
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Lesenswerte Berichte über die Aufführung:
“Wer ist Millionär oder Ranking für die Revolution” - Stuttgarter Zeitung online vom 30. Oktober 2008
“Zensur-Skandal am Schauspielhaus” - mopo vom 30. Oktober 2008
Posted by stuhlfauth in allgemein, erwerbslosigkeit, kapital und arbeit, kunst / kultur
